1. Erwartungsmanagement
Die Bibel ist ein unendlich wirkmächtiges und interessantes
Buch. Als Heilige Schrift des Christentums hat sie die europäische Kultur in
den letzten zwei Jahrtausenden tiefgreifend geprägt und damit auch den Rest der
Welt nicht unberührt gelassen. Ihr erster Teil, das Alte Testament, ist
zugleich in Gestalt der Hebräischen Bibel die Heilige Schrift des Judentums.
Schließlich haben eine ganze Reihe von biblischen Themen, Gestalten und
Erzählungen auch in den Qur’an Eingang gefunden und die Bibel genießt als vorangegangene
Offenbarung auch im Islam hohe Wertschätzung.
Dass sie so einflussreich werden konnte, verdankt die Bibel
nicht allein ihrer literarischen Qualität (die sie an vielen Stellen zweifellos
hat), sondern ihrem Inhalt: Sie erzählt vielstimmig von einem einzigen Gott,
der alle anderen Absolutheitsansprüche durchkreuzt, der jedem Menschen eine
unverlierbare Würde zuspricht, seinen Menschen die Treue hält, sie in die
Freiheit führt, von ihnen Nächstenliebe und Gerechtigkeit verlangt und ihnen
bei ihrem unausweichlichen Versagen neue Anfänge ermöglicht. Schließlich
erzählt sie davon, wie uns dieser Gott in Gestalt der faszinierenden Person
Jesus von Nazareth begegnet, der als Verbrecher hingerichtet wird, aber den Tod
überwindet und wiederkommen wird, um eine wahrhaft menschliche Herrschaft
aufzurichten.
Sei es aus einem allgemeinen Interesse an Literatur und
Bildung, sei es aus einem spezifischen religiösen Interesse an der biblischen
Botschaft: Die Bibel zu lesen ist ein gutes und sinnvolles Unterfangen.
Um Enttäuschungen vorzubeugen, sind angehende Leser*innen
der Bibel allerdings gut beraten, zuvor ihre Erwartungen zu reflektieren. Denn entgegen
landläufigen und frommen Klischees ist die Bibel weder eine Sammlung an
tiefsinnigen oder mysteriösen Sprüchen, noch ein Konglomerat an
Glaubenswahrheiten, noch eine „Gebrauchsanweisung für das Leben“, noch ein
„Liebesbrief Gottes“. Die Bibel ist eine über etwa eintausend Jahre
angewachsene Bibliothek, in der sich verschiedene Textsorten versammeln:
Erzählungen (darin eingewoben Rechtssammlungen), Poesie (darunter Gebetslieder,
weisheitliche Reflexionen und prophetische Mahnungen und Tröstungen) und
Briefe.
All diese Texte sind in ihrer eigenen Zeit verwurzelt und
sprechen zunächst in ihre eigene Zeit. Daher ist es alles andere als
selbstverständlich, dass sie auch zu heutigen Leser*innen sprechen.
Übersetzungen und Erklärungen sind dabei eine Hilfe, aber das wichtigste
Werkzeug ist Zeit. Meine Erfahrung mit biblischen Texten erinnert mich manchmal
an introvertierte Menschen: Man muss Zeit mit ihnen verbringen, auch Stille
aushalten, bevor sie auftauen und sich mitteilen. Dann haben sie aber auch viel
Hörenswertes zu sagen.
Ein guter Rat zum Anfang ist es daher, eine neugierige und geduldige Offenheit als Grundhaltung mitzubringen, die bereit ist, mit den Texten Zeit zu verbringen und sich auf ihre fremde Welt einzulassen. Und nach einer Weile geschieht es, dass aus der Lektüre heraus ein neuer Wahrnehmungsrahmen für das Leben entsteht, der nicht nur unsere Kulturgeschichte erhellt, sondern auch im Handeln Orientierung gibt und durch die biblische Botschaft Trost und Mut vermittelt.
Zur Entfaltung dieser Grundhaltung vgl. auch https://www.die-bibel.de/tipps-zum-bibellesen.
2. Wahl der Übersetzung
Übersetzungen sind immer Interpretationen. Strukturtreue
Übersetzungen versuchen, dabei möglichst zurückhaltend zu sein. Daher sind sie
oft schwerer lesbar, weil sie die Sperrigkeit des Originals und die offenen
Deutungsfragen an die Leser*innen weitergeben. Kommunikative
Übersetzungen sind hingegen eingängiger, allerdings um den Preis, dass der Text
nach dem Urteil der Übersetzer*innen vereindeutigt und an heutige
Leseerwartungen angepasst wird.
Ein ausführlicher Überblick zu deutschen Bibelübersetzungen findet sich hier: https://www.die-bibel.de/bibeluebersetzungen/weitere-bibeluebersetzungen/deutsche-bibeluebersetzungen-im-vergleich. Zur Unterscheidung von Übersetzungstypen ausführlicher: https://www.die-bibel.de/bibeluebersetzungen/weitere-bibeluebersetzungen/uebersetzungstypen.
Für die Bibellektüre sind daher grundsätzlich strukturtreue
Übersetzungen zu empfehlen, insbesondere die folgenden vier:
-
Zürcher Bibel
(Revision 2007), in einer Ausgabe mit Einführungen und Glossar und am besten
auch den Apokryphen: Besonders beim Alten Testament ist die Übersetzung sehr
gut, Einleitungen und Glossar haben ebenfalls eine hohe Qualität und helfen
beim Verstehen. Standardübersetzung der reformierten Kirchen in der Schweiz.
-
Einheitsübersetzung
(Revision 2016): Solide Übersetzung mit guten Einführungen. Standardübersetzung
der römisch-katholischen Kirche.
-
Elberfelder Bibel:
Gilt als genauste Übersetzung, insbesondere beim Neuen Testament. Anmerkungen
und Glossar sind allerdings mit Vorsicht zu genießen. Konfessionell bei den
Brüdergemeinden verortet.
-
Lutherbibel
(Revision 2017): Klassische und sprachprägende, aber auch altertümelnde
Übersetzung. Sprachliche Zuspitzungen im Sinne der Theologie Martin Luthers.
Standardübersetzung der Evangelischen Landeskirchen (EKD).
Begleitend bzw. alternativ sind zwei kommunikative
Übersetzungen zu empfehlen: die BasisBibel und die Gute Nachricht
Bibel. Besonders hilfreich bei der BasisBibel sind die Sacherklärungen am
Seitenrand.
Der Text der genannten Übersetzungen ist online verfügbar über www.die-bibel.de/bibel bzw. www.bibleserver.com.
Von anderen kommunikativen Übersetzungen wie der Hoffnung
für Alle, der Neues Leben Bibel oder der Neuen Genfer Übersetzung
rate ich deutlich ab wegen des reaktionären theologischen Profils, das sie in
die Texte eintragen.
Als Zweitbibel empfehle ich die Bibel in gerechter Sprache. Sie hat ein hervorragendes Glossar, geht in ihren Formulierungen bewusst andere Wege als die traditionellen Übersetzungen und ist durchweg von einem kritischen Bewusstsein für soziale Gerechtigkeit, Geschlechtergerechtigkeit und den christlich-jüdischen Dialog geprägt.
3. Wo anfangen?
Wenn man die Bibel durchlesen will, ist es naheliegend, am
Anfang bei der Genesis anzufangen und sich von vorne nach hinten bis zur
Johannesoffenbarung durchzuarbeiten. Das ist auch sinnvoll, um innerbiblische
Zusammenhänge zu erfassen und die Bücher in einer Reihenfolge zu lesen, bei der
sie grob aufeinander aufbauen. Der große Nachteil ist, dass dieser Effekt sich
erst nach einer ganzen Zeit positiv bemerkbar macht, und auf dem Weg dahin
viele Durststrecken und Wiederholungen liegen.
Für den Anfang würde ich daher empfehlen, so vorzugehen, wie
ich es selbst bei meinem ersten Durchgang gemacht habe: Zuerst einzelne
über die Bibel verteilte Bücher lesen, aus denen sich ein gewisser Überblick
ergibt, und dann die Lücken füllen. M.E. ist es sinnvoll, mit folgenden
Büchern anzufangen: 1. Johannesbrief, Kohelet, Lukasevangelium, Genesis,
Exodus, Deuteronomium, Ruth, Samuelbücher, Jesaja 40-66, Amos, Micha, Jona, Daniel, 1.
Thessalonicherbrief, 1. Korintherbrief, Römerbrief, Philipperbrief, Matthäusevangelium,
Jakobusbrief, Psalmen in Auswahl (1, 8, 13, 23, 32, 62, 63, 86, 88, 90, 103,
119, 121, 139, 150), Sprüche, Hiob, Johannesevangelium.
Einen abwechslungsreichen Weg durch die Bibel bietet auch
der Bibelleseplan der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft
für Bibellesen, der in acht Jahren durch wesentliche Teile des Alten und Neuen
Testaments führt. Begleitend empfehlen sich die Kalender „Wort für Heute“ oder
„Mit der Bibel durch das Jahr“, die Einleitungen zu den biblischen Büchern und
Auslegungen der täglichen Abschnitte bieten.
Für mich bewährt es sich seit einigen Jahren, drei Lesezeichen parallel durch die Bibel wandern zu lassen: eins durch die Psalmen, eins durch das übrige Alte Testament, eins durch das Neue Testament. Am Anfang lese ich einen Psalm, dann einige Seiten Altes Testament und einen Abschnitt Neues Testament.
4. Routinen
Die Bibel ist ein dickes und häufig sprödes Buch, das sich
kaum wie andere Bücher am Stück lesen lässt. Sitzfleisch ist gefragt. Daher ist
es entscheidend, Routinen zu entwickeln, mit denen man über einen längeren
Zeitraum Stück für Stück durch die Bibel kommt. Wie mein Griechischlehrer
Matthias Linke in Elstal zu sagen pflegte: „Wie isst man einen Elefanten?
Scheibchen für Scheibchen.“
Für die Routine ist wichtig, dass sie einen festen Anknüpfungspunkt im Alltag hat, z.B. immer beim Frühstück, immer vorm Schlafengehen, immer am Sonntagnachmittag oder Ähnliches. Zweitens gehört dazu ein festes Pensum, eine bestimmte Seiten- oder Kapitelzahl, die jeweils gelesen wird. Zur Orientierung: Bei drei Kapiteln am Tag braucht man für die ganze Bibel etwa dreizehn Monate.
5. Gattungen ernst nehmen
In der Bibel sind verschiedene Textsorten vereint. Den größten Raum nehmen dabei die Erzählungen ein, sie machen vom Alten und Neuen Testament jeweils etwa die erste Hälfte aus. Allein das ist im religionsgeschichtlichen Vergleich schon auffällig: Die Bibel bietet keine mythischen Epen in gebundener Sprache, sondern unheimlich knappe Erzählungen in Prosa. Alle äußeren Details entfallen, alles Entscheidende geschieht in wörtlicher Rede und knappen Handlungsbeschreibungen. Durch diese Form wird deutlich, ohne dass es jemals ausgesprochen werden müsste: Es ist eine charakteristische Eigentümlichkeit des biblischen Menschenbildes, dass Menschen sich voreinander und vor Gott verantworten und darin ihre Freiheit, ihre Widersprüche und ihre Grenzen ausagieren.
Zur Kunst der biblischen Erzählung vgl. die Monographie, die auch hier im Hintergrund steht: Robert Alter, The Art of Biblical Narrative. Revised and Updated, New York 2011. Ein Klassiker zum literarischen Verständnis biblischer Erzählungen sind auch die ersten beiden Kapitel von Erich Auerbach, Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, Tübingen/Basel 10. Aufl. 2001.
Der zweite Teil des Alten Testaments besteht aus Poesie. Das charakteristische Merkmal der biblischen Poesie ist nicht Metrum oder Lautreim, sondern der sog. parallelismus membrorum: Jeweils zwei (gelegentlich auch drei) Zeilen entsprechen einander, vor allem inhaltlich, aber zum Teil auch im Rhythmus oder dem Satzbau. Immer lohnt sich dabei die Frage, wie sich die zwei oder drei Zeilen zueinander verhalten: ob als Wiederholung, Steigerung oder Gegensatz. Gebetslieder, Weisheit und Prophetie bedienen sich dieser Form zu ihren je eigenen Zwecken.
Vgl. dazu Robert Alter, The Art of Biblical Poetry. Revised and Updated, New York 2011.
Im Neuen Testament besteht der zweite Teil aus Briefen (das gilt auch für die Johannesoffenbarung, die einen brieflichen Rahmen hat). Für die Lektüre bedeutet das: Wir lesen die Post anderer Leute. Die Briefe enthalten Erläuterungen, Mahnungen und Zusprüche, die sich zunächst an andere Menschen in anderen Kontexten richten – weshalb man sich auch nicht mit jedem „Wir“ oder „Ihr“ vorschnell identifizieren sollte. Und doch lohnt die Lektüre, weil die Briefe als normative Beispiele auch über ihre spezifischen Kontexte hinausweisen.
Zur Lektüre der paulinischen Briefe und der Mahnung vor „Nostrifizierung“ vgl. Christine Gerber, Paulus, Apostolat und Autorität oder Vom Lesen fremder Briefe (ThSt.NF 6), Zürich 2012.
Damit ist schon das Problem angesprochen, die sich an dieser Stelle allen stellt, die die Bibel als Heilige Schrift lesen: Es ist überhaupt nicht offensichtlich, inwiefern Erzählungen, Poesie und Briefe normative Geltung entfalten können – keine dieser Gattungen sagt mir nämlich direkt, was ich tun oder glauben soll. Zwei kurze Hinweise müssen dazu an dieser Stelle genügen. Erstens gehört zur Frage nach der Gattung die Frage nach der Pragmatik: Was tut der Text? Wie interveniert der Text in seiner Situation, in welche Richtung deutet er, welche neuen Möglichkeiten des Wahrnehmens, Urteilens und Seins eröffnet er? Daran schließt zweitens die Frage an: Wie lässt sich damit weitermachen? Nicht alles, was ich in der Bibel lese, ist unmittelbar zu wiederholen oder nachzuahmen – aber wie bleibe ich auf der Fluchtlinie, die von der Textpragmatik vorgegeben ist? Ein Beispiel dafür wäre die Trinitätslehre, die zwar nicht in der Bibel steht, wohl aber folgerichtiges Ergebnis einer theologisch mitdenkenden Bibellektüre ist.
Die Frage nach der Pragmatik, der intentio operis (‚Werkabsicht‘), wurde besonders herausgearbeitet bei Umberto Eco, Die Grenzen der Interpretation, München 1992; ders., Nachschrift zum ‚Namen der Rose‘, München/Wien 1984. Zum Begriff von „Verstehen als Weitermachenkönnen“ vgl. Rowan Williams, The Edge of Words. God and the Habits of Language, London u.a. 2014, 68f, der sich dabei bezieht auf Ludwig Wittgenstein, Philosophische Untersuchungen (stw 14), Frankfurt a.M. 1971, 92-99, Nr. 143-155. Zur Bibel als Paradigma vgl. auch George Lindbeck, The Nature of Doctrine. Religion and Theology in a Postliberal Age. 25th Anniversary Edition, Louisville 2009, 67.102. Zur Trinitätslehre als Ergebnis ‚konsequenter Exegese‘ vgl. Carsten Claußen, Die Trinitätslehre als Herausforderung an Exegese und Dogmatik. Zur ‚trinitarischen‘ Rede von Gott im Johannesevangelium, in: ders./Markus Öhler (Hg.), Exegese und Dogmatik (BThSt 107), Neukirchen-Vluyn 2010, 151-172. So argumentiert auch Karl Barth in KD I/1, 327.
6. Hilfe hilft
Beim Bibellesen stellen sich viele Fragen, aber nicht alle
müssen offen bleiben. Für viele Fragen gibt es kompetente Hilfe.
An erster Stelle sind hier (außer den professionellen
Theolog*innen an den Hochschulen) die theologisch ausgebildeten Pastor*innen und Pfarrpersonen zu
nennen, die zwar vieles nicht aus dem Kopf beantworten können, aber darin
ausgebildet sind, auf Fragen zur Bibel tragfähige Antworten zu finden. In der
Regel werden sie sich auch darüber freuen, mit einem interessierten Gegenüber
in ein Gespräch über die Bibel einzutreten.
An zweiter Stelle sind die Online-Hilfsmittel zu nennen. Bei den Übersetzungen wurde bereits
genannt, wo (auch zum Zweck eines Übersetzungsvergleichs) im Internet gefunden
werden können. Darüber hinaus stellt die Deutsche Bibelgesellschaft nicht nur
eine Bibelkunde mit
Gliederungen und Hintergrundinformationen zur Verfügung, sondern auch ein
bibelwissenschaftliches (wibilex.de)
und ein religionspädagogisches (wirelex.de)
Lexikon. Eine weitere wichtige Online-Ressource sind die im Schwerpunkt
bibelwissenschaftlichen Vorträge, die vom Verein Worthaus
aufgenommen und auf Youtube
und als Podcast zur Verfügung gestellt werden.
An dritter Stelle stehen Bücher, deren Anschaffung auf lange Sicht auch lohnend ist. Die „Stuttgarter Erklärungsbibel“ (in der neuen Auflage von 2024) bietet einen durchlaufenden Kommentar zum Text der Lutherbibel in der Revision von 2017. Dazu kommen ausführliche Einleitungen und Worterklärungen. Das „Neue Testament – jüdisch erklärt“ folgt ebenfalls dem neuen Luthertext und ergänzt durchlaufend Anmerkungen von jüdischen Exeget*innen. Die Artikel im Anhang informieren umfassend über den jüdischen Kontext des Neuen Testaments. Zwei hilfreiche und empfehlenswerte Nachschlagewerke sind das „Sozialgeschichtliche Wörterbuch zur Bibel“ (hg. v. Frank Crüsemann u.a.) und „Menschenbilder der Bibel“ (Thomas Staubli/Silvia Schroer). Eine Buchreihe, in der nach und nach allgemeinverständliche Einführungen in biblische Bücher erscheinen, ist „bibel heute lesen“ beim Theologischen Verlag Zürich. Eine solide und allgemeinverständliche Kommentarreihe zum Neuen Testament ist die „Botschaft des Neuen Testaments“ (hg. v. Walter Klaiber bei Vandenhoeck und Ruprecht).
7. Theologische Werkzeuge
Zuletzt hilft beim Bibellesen eine theologische
Grundorientierung, die den roten Faden und eine Grundunterscheidung betrifft.
Als roten Faden der biblischen Story betrachte ich Gottes Bund mit seinen Menschen. Die
paradigmatische Bundesformel lautet: „Ich will euer Gott sein und ihr sollt
mein Volk sein“ (Lev 26,12 und in Variationen an vielen anderen Stellen). Als
erstes legt Gott sich darauf fest, der Gott seiner Menschen zu sein, ihnen zu
gehören und für sie Gott zu sein.
Noah (und damit der Menschheit) gegenüber legt Gott sich darauf fest, Welt und
Menschheit zu erhalten (Genesis 9). Mit Abraham (Genesis 15 und 17) und dem Volk
Israel am Sinai (Exodus 24; Deuteronomium 7) erwählt Gott sich ein Volk als
Bundespartner. Später schließt er auch mit König David einen Bund und sagt ihm
seine Treue zu (2. Samuel 7). Auch die zweite Hälfte der Bundesformel ist
zunächst Zusage: Gottes Volk zu sein,
Gott zu gehören, ist auch eine Befreiung von allen anderen
Herrschaftsansprüchen. Sie ist aber auch Anspruch: Wer mit Gott im Bund ist,
wird entsprechend leben. Mit einer Formulierung von Karl Barth: „Wir lesen aus
dem, was Gott hier für uns tut, ab,
was Gott mit uns und von uns will.“
Damit ist die Grundunterscheidung von Evangelium und Gebot angesprochen. Das Evangelium ist Gottes freie
Zusage und Zuwendung, die keine Bedingungen kennt und immer die Treue hält: „Werden
wir untreu, so bleibt er doch treu, denn er kann sich selbst nicht verleugnen“
(2. Timotheus 2,13). An zweiter Stelle, untrennbar damit verbunden, aber eben
doch in diesem Gefälle, steht Gottes Gebot, Gottes Wille mit und für uns: die
Weisung zu einem Leben, das Gott entspricht. Von dieser Weisung heißt es: „Denn
dies ist kein leeres Wort für euch, sondern es ist euer Leben“ (Deuteronomium
32,47) und sie wird von Jesus (Matthäus 5,17-20) und Paulus (Römer 3,31)
bestätigt. Zum Leben mit Gottes Geboten gehört allerdings auch die Erfahrung,
dass sie zum Gesetz werden, an dem
vor allem das eigene Scheitern abzulesen ist: „Durch das Gesetz kommt es bloss
zur Erkenntnis der Sünde“ (Römer 3,20). Diese Erfahrung lehrt, die Macht der
Sünde im eigenen Leben anzuerkennen, sich in Gottes Treue zu bergen, um
Vergebung zu bitten und sich einen neuen Anfang schenken zu lassen.
Das bisher Gesagte erweist sich auch als Schlüssel zur Person Jesu Christi: In ihm begegnen wir dem Gott der Menschen, der den Namen Immanuel, Gott-mit-uns trägt (Matthäus 1,23). Gottes Liebe in Jesus Christus macht auf diesem Weg auch vor dem Tod nicht halt, sodass schließlich nichts und niemand mehr von dieser Liebe trennen kann (Römer 8,38f). Zugleich ist Jesus Christus im vollen Sinne Mensch, aber eben Mensch Gottes: Er ist solidarisch in Leiden und Anfechtung, bleibt trotz allem aber dem Willen Gottes gehorsam (Hebräer 2,14-18; 4,14-5,10). So ist der Mensch, der Willen Gottes vollends gerecht wird, an dessen Gerechtigkeit wir partizipieren (Römer 6) und in dessen Gerechtigkeit wir uns bei unserem Versagen bergen dürfen (2. Korinther 5,21).
Diese Grundorientierung ist stark von Karl Barth geprägt. Zur
Vertiefung empfehlen sich die Aufsätze „Evangelium und Gesetz“ und „Die
Menschlichkeit Gottes“, sodann die als Bücher publizierten Vorlesungen
„Dogmatik im Grundriß“ und „Einführung in die Evangelische Theologie“. Die
reformatorische Unterscheidung von Gesetz und Evangelium, die von Barth
umgekehrt wird, findet sich klassisch in Martin Luthers Schrift „Von der
Freiheit eines Christenmenschen“. Das Zitat stammt aus: Karl Barth,
Rechtfertigung und Recht. Christengemeinde und Bürgergemeinde. Evangelium und
Gesetz, Zürich 1998, 87.
Dieser Post ist eine überarbeitete Fassung des Textes, der am 24.2.26 auf Bluesky per Link zu Google Drive veröffentlicht wurde.
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