4.6.26

Friedfertigkeit als Leitbegriff der Nachfolge

Immer wieder frage ich mich, was ein christliches Leben eigentlich auszeichnet: Was bestimmt ein Leben in der Nachfolge Jesu im Alltag? Gesucht wird ein Maßstab, der erkennbar christlich ist, der konkrete Orientierung gibt und der weder in einem disparaten Regelkatalog besteht noch auf ein bestimmtes politisches Programm reduzierbar ist.

Hier hilft m.E. die Friedfertigkeit als christliche Tugend. Unter Tugend verstehe ich einen wünschenswerten Habitus, also eine Haltung bzw. Gewohnheit, von der Wahrnehmung und Handeln strukturiert werden.

Biblische Bezüge:

  • „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15b)
  • „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9)
  • „Habt, soweit es an euch liegt, mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18)

Friedfertigkeit heißt nicht Passivität und Konfliktscheue, sondern aktives Eintreten für den Frieden: Der zweite Wortteil ist verwandt mit anfertigen/verfertigen, friedfertig ist also, wer den Frieden anfertigt, daran arbeitet, ihn herzustellen. Das weist bereits darauf hin, dass der Weg zum Frieden ein Prozess ist, der Mühe, Geduld und Übung erfordert, der aber auch Selbstwirksamkeit und Sinnerfahrung vermittelt.

Friedfertigkeit steht für einen anspruchsvollen Universalismus, der in alltäglichen Bezügen wie auf der Weltbühne konkrete Orientierung stiftet. Denn auch ein aktueller Feind ist trotz allem als Teil des künftigen Friedens zu betrachten und anzusprechen.

Friede sei versuchsweise (und angelehnt an Martin Luther King Jr.s Letter from Birmingham Jail) negativ definiert als ein Zustand der Gewaltlosigkeit, positiv als ein gerechtes Miteinander, das deshalb auch Freiheit geprägt ist.

Zu diesem Ziel fordert und fördert Friedfertigkeit sowohl Mut als auch Demut. Demut, weil Friede erfordert, Raum für die Andersheit der Anderen, für ihr Recht und ihre Freiheit zu schaffen. Vor einer Weile habe ich bei einem Vortrag über den Israel-Palästina-Konflikt dazu einen Satz gehört, der großen Eindruck auf mich gemacht hat: "Du willst entweder Sieg oder Frieden. Beides geht nicht.

Mut, weil Gerechtigkeit und Freiheit auch verteidigt werden und Gewalt (welcher Gestalt auch immer) zurückgewiesen werden muss. Friedfertigkeit bedeutet konstruktive Konfliktbearbeitung, in der sachliche und persönliche Konflikte ausgetragen werden, aber mit dem Ziel, durch den Konflikt hindurch zu einem besseren, weil gerechteren und freieren Miteinander zu kommen. Hier bedeutet Friedfertigkeit auch Standhaftigkeit, ggfs. auch Widerspruch und Widerstand.

Der Weg zum Frieden beinhaltet aber auch die Bereitschaft, um Vergebung zu bitten und sie anderen zu gewähren. Neue Anfänge zu ermöglichen, sollte aber nicht mit Naivetät, Beliebigkeit oder gar Täterschutz vermischt werden. Zur Bitte um Vergebung gehört Umkehr, Wiedergutmachung und ein ernstes Bemühen, beschädigtes oder zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen. Umgekehrt kann Vergebung auch ein Vertrauensvorschuss sein, der seinerseits den Raum für Umkehr schafft.

Physische Gewalt ist ein Extremfall, dem nach dem Gebot Jesu mit gewaltlosem Widerstand ("die andere Wange hinhalten") zu begegnen ist, als Ultima Ratio aber auch mit Notwehr, insbesondere zum Schutz anderer. In jedem Fall ist Gewalteskalation zu verweigern.

Friedfertigkeit ist verwurzelt in der Story des Evangeliums: Jesus Christus ist unser Friede, in ihm haben wir Frieden miteinander und mit Gott (Röm 5,1; Eph 2,14-18). Dem entsprechen wir mit unserem Streben nach Frieden. Dieses Streben steht wiederum im Horizont der Hoffnung auf den Frieden, den Gott eines Tages stiften wird. Dafür steht paradigmatisch die Vision von der Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um den Frieden zu lernen (Jes 2,1-5/Mi 4,1-5).

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