Immer wieder frage ich mich, was ein christliches Leben eigentlich auszeichnet: Was bestimmt ein Leben in der Nachfolge Jesu im Alltag? Gesucht wird ein Maßstab, der erkennbar christlich ist, der konkrete Orientierung gibt und der weder in einem disparaten Regelkatalog besteht noch auf ein bestimmtes politisches Programm reduzierbar ist.
Hier hilft m.E. die Friedfertigkeit als christliche Tugend.
Unter Tugend verstehe ich einen wünschenswerten Habitus, also eine Haltung bzw. Gewohnheit, von der Wahrnehmung und Handeln strukturiert werden.
Biblische Bezüge:
- „Suche Frieden und jage ihm nach!“ (Ps 34,15b)
- „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“ (Mt 5,9)
- „Habt, soweit es an euch liegt, mit allen Menschen Frieden.“ (Röm 12,18)
Friedfertigkeit heißt nicht Passivität und Konfliktscheue,
sondern aktives Eintreten für den Frieden: Der zweite Wortteil ist verwandt mit
anfertigen/verfertigen, friedfertig ist also, wer den Frieden anfertigt, daran
arbeitet, ihn herzustellen. Das weist bereits darauf hin, dass der Weg zum
Frieden ein Prozess ist, der Mühe, Geduld und Übung erfordert, der aber auch
Selbstwirksamkeit und Sinnerfahrung vermittelt.
Friedfertigkeit steht für einen anspruchsvollen
Universalismus, der in alltäglichen Bezügen wie auf der Weltbühne konkrete
Orientierung stiftet. Denn auch ein aktueller Feind ist trotz allem als Teil
des künftigen Friedens zu betrachten und anzusprechen.
Friede sei versuchsweise (und angelehnt an Martin Luther
King Jr.s Letter from Birmingham Jail) negativ definiert als ein Zustand der
Gewaltlosigkeit, positiv als ein gerechtes Miteinander, das deshalb auch
Freiheit geprägt ist.
Zu diesem Ziel fordert und fördert Friedfertigkeit sowohl
Mut als auch Demut. Demut, weil Friede erfordert, Raum für die Andersheit der
Anderen, für ihr Recht und ihre Freiheit zu schaffen. Vor einer Weile habe ich
bei einem Vortrag über den Israel-Palästina-Konflikt dazu einen Satz gehört,
der großen Eindruck auf mich gemacht hat: "Du willst entweder Sieg oder
Frieden. Beides geht nicht.
Mut, weil Gerechtigkeit und Freiheit auch verteidigt werden
und Gewalt (welcher Gestalt auch immer) zurückgewiesen werden muss.
Friedfertigkeit bedeutet konstruktive Konfliktbearbeitung, in der sachliche und
persönliche Konflikte ausgetragen werden, aber mit dem Ziel, durch den Konflikt
hindurch zu einem besseren, weil gerechteren und freieren Miteinander zu
kommen. Hier bedeutet Friedfertigkeit auch Standhaftigkeit, ggfs. auch
Widerspruch und Widerstand.
Der Weg zum Frieden beinhaltet aber auch die Bereitschaft,
um Vergebung zu bitten und sie anderen zu gewähren. Neue Anfänge zu
ermöglichen, sollte aber nicht mit Naivetät, Beliebigkeit oder gar Täterschutz
vermischt werden. Zur Bitte um Vergebung gehört Umkehr, Wiedergutmachung und
ein ernstes Bemühen, beschädigtes oder zerstörtes Vertrauen wiederherzustellen.
Umgekehrt kann Vergebung auch ein Vertrauensvorschuss sein, der seinerseits den
Raum für Umkehr schafft.
Physische Gewalt ist ein Extremfall, dem nach dem Gebot Jesu
mit gewaltlosem Widerstand ("die andere Wange hinhalten") zu begegnen
ist, als Ultima Ratio aber auch mit Notwehr, insbesondere zum Schutz anderer.
In jedem Fall ist Gewalteskalation zu verweigern.
Friedfertigkeit ist verwurzelt in der Story des Evangeliums:
Jesus Christus ist unser Friede, in ihm haben wir Frieden miteinander und mit
Gott (Röm 5,1; Eph 2,14-18). Dem entsprechen wir mit unserem Streben nach
Frieden. Dieses Streben steht wiederum im Horizont der Hoffnung auf den
Frieden, den Gott eines Tages stiften wird. Dafür steht paradigmatisch die Vision
von der Wallfahrt der Völker nach Jerusalem, um den Frieden zu lernen (Jes 2,1-5/Mi
4,1-5).
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