Das Bekenntnis von Nicäa-Konstantinopel sagt, dass Jesus Christus „für uns gekreuzigt“ wurde. Mit dem „für uns“ greift es eine stehende Wendung des Neuen Testaments auf (Röm 5,6.8; 8,32; Gal 3,13; Eph 5,2; Tit 2,14; 1 Joh 3,16). Dazu gehören auch die neutestamentlichen Formulierungen „für unsre Sünden“ (1 Kor 15,3; Gal 1,4; 1 Joh 2,2; 4,10) und allgemeiner „für die Sünden“ (Hebr 5,1.3; 10,12.26; 1 Petr 3,18).
Es ist naheliegend, das „für uns“ zu verstehen als „an unserer Stelle“ und das „für unsre Sünden“ als „zur Strafe für unsre Sünden“. Diese Verbindung wird im Neuen Testament allerdings an keiner Stelle hergestellt. Die griechische Präposition ὑπέρ hyper mit Genitiv („für“) kann zwar Stellvertretung anzeigen (z.B. „für jemanden“, d.h. „in seinem Namen“ sprechen; so in 2 Kor 5,20), heißt aber erstmal allgemein „um … willen“ oder „zum Wohlergehen von“. So steht diese Präposition im Neuen Testament auch im Zusammenhang der Fürbitte (Mt 5,44; Röm 8,34; 10,1; 15,30; 2 Kor 9,14; Eph 1,16; Phil 1,4; 1 Tim 2,1f; Hebr 7,25; 9,24). Mit der Formulierung, dass Jesus Christus „für uns“ gestorben ist, ist die Frage nach der Heilsbedeutung des Todes Jesu daher nicht beantwortet, sondern gestellt.
Ein klassischer Versuch, dem „für uns“ eine Theorie der Heilsbedeutung des Todes Jesu zu entnehmen, ist die Lehre vom stellvertretenden Strafleiden, wie sie etwa der Heidelberger Katechismus in Frage 3 bis 19 bietet. Sie geht davon aus, dass der Mensch zwar gut und gerecht erschaffen wurde (Fr. 6), aber durch den Sündenfall nun zu allem Guten unfähig (Fr. 7+8) und entsprechend strafwürdig (Fr. 9+10) ist. Dies könne Gott nicht hinnehmen, denn: „Gott ist wohl barmherzig, er ist aber auch gerecht“ (Fr. 11). Die Lösung ist, dass ein anderer unsere Schuld bezahlt (Fr. 12+13), der als schuldloser Mensch (Fr. 14-16) für uns eintreten kann und zugleich als Gott den Zorn Gottes ertragen kann (Fr. 17). Das ist dann Jesus Christus (Fr. 18), von dem das Evangelium handelt (Fr. 19). Der entscheidende Fehler liegt in Frage 11, die Gottes Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gegeneinander ausspielt und damit den biblischen Begriff von Gottes Gerechtigkeit verfehlt. Wenig überraschend mangelt es bei dieser Frage auch an einschlägigen biblischen Belegen (und in Ex 20,5f; 34,6f ist ja gerade das Übermaß der Barmherzigkeit die Pointe). Biblisch besteht Gottes Gerechtigkeit gerade darin, den in der Sünde gefangenen Menschen gerecht zu werden, sich ihrer zu erbarmen und ihnen Gerechtigkeit zuzusprechen (Ps 143,1f; Röm 3,25f; vgl. Ps 71,2).
Einen wichtigen biblischen Bezugspunkt für die Lehre vom stellvertretenden Strafleiden gibt es allerdings noch, nämlich die Sühne (im Heidelberger Katechismus aufgegriffen in Fr. 37). Wenn heute vom „Sühnetod“ gesprochen wird, ist auch in aller Regel implizit die Lehre vom stellvertretenden Strafleiden gemeint. Wie Hartmut Gese und Bernd Janowski gezeigt haben, folgt die Sühne in der Bibel allerdings einer anderen Logik: Die Sühne ist eine von Gott gestiftete Möglichkeit, die Gottesbeziehung durch die stellvertretende Lebenshingabe des Opfertieres wiederherzustellen. So heißt es an der Schlüsselstelle Lev 17,11 aus dem Munde Gottes: „Denn das Leben des Fleisches ist das Blut, und ich habe es euch für den Altar gegeben, damit Sühne für euch erwirkt werden kann. Denn das Blut ist die Lebenskraft und erwirkt Sühne.“ Das ist weit davon entfernt, dass etwa Gottes Zorn durch ein stellvertretendes Strafobjekt befriedigt werden müsste. Zur Rezeption der alttestamentlichen Sühnevorstellung im NT siehe unten.
Hartmut Gese, Die Sühne, in: ders., Zur biblischen Theologie. Alttestamentliche Vorträge (BEvT 78), München 1977, 85-106. Bernd Janowski, Sühne als Heilgeschehen. Traditions- und religionsgeschichtliche Studien zur priesterschriftlichen Sühnetheologie (WMANT 55), Neukirchen-Vluyn 2. Aufl. 2000.
Das Neue Testament bietet keine ausformulierte Theorie der Heilsbedeutung des Todes Jesu. Vielmehr finden wir im NT eine Vielzahl an Versuchen, das Ereignis, dass Gott selbst in Jesus Christus, seinem Tod und seiner Auferweckung, gehandelt hat, zur Sprache zur bringen. Mir scheint es sinnvoll, diese Sprechversuche fünf Motiven zuzuordnen: Offenbarung, Wiederherstellung, Befreiung, Solidarität, Vorbild. In den Texten treten die Motive auch häufig zusammen auf.
Erstens ist der Kreuzestod Jesu Christi im Neuen Testament der Ort der Offenbarung der Liebe Gottes. In Röm 5,8 heißt es: „Gott jedoch zeigt seine Liebe zu uns gerade dadurch, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Und im 1. Johannesbrief wird der Spitzensatz „Gott ist Liebe“ (4,8.16) begründet mit Bezug auf den Weg Jesu (4,9f; vgl. Joh 3,16): „Darin ist die Liebe Gottes unter uns erschienen, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt hätten, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als Sühne für unsere Sünden.“ In diesen Zusammenhang gehört auch der Lebenseinsatz des guten Hirten (Joh 10,11.15.17f) und des Freundes (Joh 15,13) im Johannesevangelium. Paulus macht im 1. Korintherbrief deutlich, dass das „Wort vom Kreuz“ (1,18) zwar Ärgernis und Torheit ist (1,23), sich aber gerade hier Gottes Weisheit und Gottes Kraft zu erkennen geben (1,24f.30). Dazu gehört auch, dass das ἱλαστήριον hilasterion, zu dem Jesus Christus nach Röm 3,25 in seinem Tod wird, als Bundesladendeckel der Ort der Präsenz und des Sprechens Gottes ist (Ex 25,22; Num 7,89). Dass sich gerade am Kreuz Gott zu erkennen gibt, sagt auch das Johannesevangelium, wenn es die Kreuzigung als Verherrlichung beschreibt (12,23; 13,31f; 17,1.4f), dass also dort Gottes Wesen sichtbar wird. Zuletzt gehört es hierher, dass Jesus Christus auf dem Weg ans Kreuz keinem externen Zwang ausgesetzt ist, sondern sich und seinem Auftrag entspricht und diesen Weg deshalb gehen „muss“ (Mk 8,31 parr). Der Leidensweg zu unserem Heil ist conveniens, d.h. er entspricht dem Gott, mit dem wir es in Jesus Christus zu tun bekommen (Hebr 2,10).
Zweitens wird am Kreuz die Gottesbeziehung der Menschen wiederhergestellt. Mit einem Bild aus dem Bereich der Diplomatie sagt Paulus in 2 Kor 5,19, dass Gott in Jesus Christus die Welt mit sich versöhnt hat (nicht: sich mit der Welt!). Auch zwischenmenschliche Versöhnung geschieht, wenn Jesus Christus am Kreuz die Feindschaft tötet (Eph 2,14-16). Vor allem zeigt die Wiederherstellung der Gottesbeziehung aber in kultischer Metaphorik. So ist das hilasterion (Röm 3,25) in Lev 16 auch der Ort, an dem die Sühne für das Volk geschieht. In Jesus Christus geschieht somit eine umfassende und kollektive Erneuerung der Gottesbeziehung. Auf dieser Linie (im oben dargestellten Verhältnis von Sühne) liegen dann auch die übrigen neutestamentlichen Belege für den Tod Jesu als Sühne (Hebr 2,17; 1 Joh 2,2; 4,10) und als Opfer (Eph 5,2.25; Hebr 9f). Hier lassen sich auch die Abendmahlsworte anschließen, die den Tod Jesu als Opfer zur Besiegelung eines neuen Bundesschlusses deuten (Mk 14,24/Mt 26,28 mit Ex 24,8; Lk 22,20/1 Kor 11,25 mit Jer 31,31-34). Diese Stellen benennen auch die Vergebung der Sünden (zum Tod Jesu als Befreiung aus der Macht der Sünde siehe den nächsten Abschnitt). Zur Wiederherstellung der Gottesbeziehung gehört zuletzt, dass Jesus Christus für uns den Gehorsam, die intakte Gottesbeziehung lebt, zu der wir nicht fähig sind (Mk 12,36 parr; Phil 2,8; Hebr 5,8f; 1 Petr 3,18). Seine Gerechtigkeit wird uns nach 2 Kor 5,21 angerechnet. Hier schließt auch Anselm von Canterbury mit dem Gedanken an, dass der Gehorsam Jesu Christi eine Ersatzleistung (satisfactio) für unseren Ungehorsam ist.
Drittens dient der Kreuzestod Jesu zu unserer Befreiung aus der Macht der Sünde. Dazu gehört als erstes das Bild eines Freikaufs auf dem Sklavenmarkt (Mk 10,45 parr; 1 Kor 6,20; 7,23; Gal 4,5; 1 Petr 1,18-20). Das Bild stößt schnell an seine Grenzen, wenn man ausbuchstabieren will, an wen der Preis gezahlt wird. Aber die Pointe einer Befreiung aus der Knechtschaft der Sünde (vgl. Joh 8,34) ist sehr deutlich. Zu dieser Pointe gehört auch das Christus-Victor-Motiv, demzufolge Jesus Christus mit seinem schuldlosen Tod den Sieg über Sünde, Tod und Teufel errungen hat (Hebr 2,14f; Kol 2,14f). Nach 1 Petr 2,24 nimmt Jesus Christus die Sünden mit ans Kreuz, sodass wir für die Sünden sterben und zur Gerechtigkeit befähigt werden. Diesen Gedanken hat Paulus in Röm 6-8 ausführlich entfaltet: Wer mit Christus für die Sünde stirbt, wird frei für ein Leben, das der Gerechtigkeit gewidmet ist. In diesem Zusammenhang ist auch die Vergebung der Sünden eine Befreiung aus der beziehungszersetzenden Macht der Sünde (Mt 26,28; Röm 3,24f; Eph 1,7).
Viertens zeigt sich am Kreuz Jesu Christi Solidarität mit dem Leiden und der Gottverlassenheit der Menschen. Bei Markus und Matthäus (Mk 14,34/Mt 27,46 nach Ps 22,2) endet sein Leben mit dem Schrei: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Nach dem Hebräerbrief haben wir in Jesus Christus einen Hohepriester, dem Leiden, Versuchung und Tränen nicht fremd sind und der gerade deshalb zu helfen vermag (Hebr 2,18; 4,15; 5,7; vgl. in Lk 22,39-46 den Zusatz V.43f). Das Apostolikum und das Nicäno-Konstantinopolitanum haben in diesem Zusammenhang das Wort „gelitten“ und geben somit der Frage und Erfahrung des Leidens ihren Raum im Zusammenhang mit dem Leidensweg Jesu.
Fünftens zeichnet das Neue Testament Jesus Christus auf seinem Weg ans Kreuz auch immer wieder als Vorbild. Im Lukasevangelium stirbt er als idealer Märtyrer mit den Worten: „Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist“ (Lk 23,46 mit Ps 31,6). Die Leidensnachfolge wird als elementarer Bestandteil des christlichen Lebens betont (Mk 8,34f; 10,38f). Die Haltung von Dienst und Unterordnung gilt es im Miteinander nachzuahmen (Phil 2,5-11). Das kann einen herrschaftskritischen Impetus haben (Mk 10,42-45) oder bestehende Machtstrukturen stabilisieren (1 Petr 2,18-25). Zuletzt ist die Liebe, die sich im Weg Jesu Christi offenbart, auch der Grund, selbst zu lieben: „Wir aber lieben, weil er uns zuerst geliebt hat“ (1 Joh 4,19, vgl. Eph 5,1f).
Was folgt daraus für die Rede vom Kreuzestod Jesu? Erstens ist die Grundpointe festzuhalten, dass der Weg Jesu Christi ans Kreuz sich (auch in seinen Aspekten als Wiederherstellung, Befreiung, Solidarität und Vorbild) aus Gottes Liebe speist, die sich in genau diesem Ereignis zu erkennen gibt. Zweitens ist das Kreuz ein faszinierendes Geheimnis, dessen Reichtum sich in der Vielfalt seiner Auslegungen spiegelt.
Bearbeitet am 5.4.25
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