15.3.26

Warum ich mich als „linksevangelikal“ bezeichne – ein Versuch über Glaube und Politik

1. Was heißt "evangelikal"?

Als aktuelle Darstellung des Evangelikalismus vgl. Thorsten Dietz, Menschen mit Mission. Eine Landkarte der evangelikalen Welt, Holzgerlingen 2022.

Eine klassische Definition ist das Bebbington-Quadrilateral, das vier Merkmale auflistet (vgl. Dietz, S. 15-19). Hier beginnen allerdings schon die Probleme, denn jedes dieser vier Merkmale kann sowohl auf eine sinnvolle wie auf eine sehr toxische Weise ausgelegt werden. Es handelt sich um:

i. Bekehrungsfrömmigkeit (conversionism)

Die toxische Variante: Das eigene Heil ist von einer Glaubensentscheidung abhängig, die das ganze Leben lang aufrechterhalten und von Zweifeln isoliert werden muss, damit man nicht doch in der Hölle landet.

Die sinnvolle Variante: Auch wenn Glaube ein Geschenk ist und man keine Angst vor der Hölle haben braucht, gehört zum christlichen Leben eine persönliche Aneignung des christlichen Glaubens. Man muss sagen können: Dieser Glaube ist MEIN Glaube - und am besten auch, was damit inhaltlich gemeint ist.

ii. Kreuzeszentrierung (crucicentrism)

Die toxische Variante: Gottes Liebe ist begrenzt durch Gottes Heiligkeit/Gerechtigkeit/whatever und weil irgendwer für die Sünden bestraft werden muss, agiert Gott seinen Zorn an seinem Sohn aus, um uns vergeben zu können.

Die sinnvolle Variante: In der Tat steht das Kreuz in der Mitte des christlichen Glaubens. Genau hier, an einem spezifischen historischen Ort und in Niedrigkeit und Leiden offenbart sich Gott als die Liebe und stiftet Versöhnung. Beides gibt es nicht am Ärgernis des Kreuzes vorbei.

iii. Bibelorientierung (biblicism)

Die toxische Variante: Ein Fundamentalismus, der letztlich ein moderner Anti-Modernismus ist und den biblischen Texten die eigenen reaktionären Kulturkampfthemen aufzwingt (vor allem Anti-Wissenschaft und Anti-Feminismus).

Die sinnvolle Variante: Weil niemand aus sich heraus ableiten und erschließen kann, wie Gott sich offenbart hat, sind wir darauf angewiesen, uns in das biblische Zeugnis von Gottes Offenbarung zu vertiefen. Dazu gehört es, die Texte als das zu nehmen, was sie sind: Erzählungen, Poesie und Briefe - kunstvoll gestaltet, häufig in verschiedene Richtungen weisend und stets in historische Entstehungszusammenhänge eingebunden. Aber genau diese Textsammlung ist der Kanon/der Maßstab/das Paradigma zur Einübung ins Leben und die Weltdeutung als Christenmensch.

iv. Aktivismus

Die toxische Variante: Mission als Entscheidungsdruck um Menschen vor der Hölle zu bewahren (s.o.) und diakonisches Engagement dazu als Mittel zum Zweck.

Die sinnvolle Variante: Wer das Evangelium gehört hat, wird davon weitererzählen und sich darüber freuen, wenn auch andere zum Glauben kommen. Ohne Mission/Evangelisation in diesem Sinne gibt es kein Christentum, denn der Glaube ist nicht vererbbar. Weiterhin gehört zum Christentum auch, sich anderen Menschen in tätiger Nächstenliebe zuzuwenden - ohne Hintergedanken, einfach weil es gut und richtig ist. Diakonie muss kein christliches Profil haben, aber sie gehört zum Profil des Christlichen. Meiner Meinung nach gehört an diese Stelle auch, dass der christliche Glaube politische Implikationen hat und es Christenmenschen gut ansteht, sich in die Gestaltung des Gemeinwesens einzubringen.

Siehe dazu auch die Artikel 5 und 13 der Lausanner Verpflichtung.

2. Evangelikal und links?

Nun ist das Bebbington-Quadrilateral leider nicht, wofür (weiße) Evangelikale bekannt sind, und es ist auch für viele nicht mehr handlungsleitend. Stattdessen sind (v.a. ausgehend von den USA) zwei andere Elemente wichtig geworden: Anti-Feminismus und christlicher Nationalismus. (Vgl. dazu „Jesus and John Wayne“ von Kristin Kobes Du Mez und „Amerikas Gotteskrieger“ von Annika Brockschmidt).

Das ist allerdings nicht die einzige Art, auf die Evangelikalismus politisch sein kann - und es gibt gute theologische Gründe für Evangelikale, diesen rechten Evangelikalismus abzulehnen. Da kommt die Vorsilbe ins Spiel: Linksevangelikalismus.

Was heißt in diesem Zusammenhang "links"? Für mich funktioniert als Arbeitsdefinition: Links ist das Streben hin zu einer freien Gesellschaft, in der wir nicht gegeneinander, sondern miteinander frei sind (vgl. Axel Honneth, Die Idee des Sozialismus). Im Zentrum steht dabei die Eigentumsfrage mit der Kritik an ökonomischer Macht, die durch Akkumulation an Privateigentum entsteht (also: Kapitalismuskritik, auch als Abgrenzung zu Liberalen). Dazu gehört weiterhin Klimaschutz (Bewohnbarkeit des Planeten als Bedingung unserer Freiheit, gegen Umweltzerstörung aus Privatinteressen) und eben der Kampf gegen Rechts: "Rechts" verstanden als politisches Projekt, das hierarchische Ungleichheiten bewahren, wiederherstellen oder schaffen will.

In dieser Weise links zu sein, halte ich aus christlicher, aber eben auch speziell aus evangelikaler Perspektive, nur für konsequent. Ein erstes Argument dafür ist die Freiheit und Würde jedes Menschen, die im conversionism impliziert ist: Ein Glaubensbekenntnis kann nicht aufgezwungen werden, gerade hier ist die Freiheit des Anderen zu achten und zu schätzen. Daraus ergibt sich ein Personalismus, der auch biblisch seine Grundlagen in der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen (Gen 1,26f) und der Verantwortung jedes Einzelnen vor Gott (Röm 14,22) hat. Das Beispiel (des baptistischen Pastors!) Martin Luther King Jr.s zeigt, dass daraus gerade keine individualistische Ethik folgt: Mit der Würde und Subjektivität jeder Person argumentierte er gegen Rassismus und Ausbeutung auf struktureller Ebene. (Z.B. in „Why we can't wait“.)

Ein zweites Argument ist Gottes Solidarität mit den Armen, die sich (wie von der katholischen Befreiungstheologie herausgestellt) durch die ganze Bibel zieht, aber eben auch im Weg Jesu Christi ans Kreuz (crucicentrism) zum Ausdruck kommt. Bis zum Ende solidarisiert sich Jesus Christus mit den Nackten, Durstigen und Ausgestoßenen - und bis heute gilt: "Was ihr dem geringsten dieser meiner Brüder getan habt, habt ihr mir getan - was ihr dem geringsten dieser meiner Brüder verweigert habt, habt ihr mir verweigert" (Mt 25,40.45). Hierher gehört dann auch das evangelikale soziale Engagement (activism), das an den politischen Ursachen von Armut, Obdachlosigkeit, Flucht usw. nicht vorbei sehen kann, sondern dem Rad auch in die Speichen fallen muss.

Und schließlich: Wer die Bibel liest (biblicism), liest eine Geschichte von einem Gott, der seine Menschen aus der Knechtschaft in die Freiheit führt (Exodus), und es dann nicht hinnimmt, wenn Einzelne diese Freiheit nutzen, andere auszubeuten (Sozialkritik der Propheten). Diese Freiheit hat dann nicht die Gestalt der Beliebigkeit (wie es der Libertarismus gern hätte), sondern des Rechts (10 Gebote, Sozialrecht im Bundesbuch etc). Es ist das "Gesetz der Freiheit" (Jak 1,25) und es heißt: "Der Herr liebt das Recht" (Ps 37,28). Dass dieses Recht der Freiheit einmal umfassend durchgesetzt wird, ist die Hoffnung auf das Reich Gottes. Dass das Reich Gottes kommt, ist allerdings nicht unsere, sondern Gottes Sache. An uns ist es, dem Reich Gottes entgegen zu leben und hierher gehört ein christliches politisches Engagement, das an der biblischen Vision von Freiheit Maß nimmt. 

Dieser Post ist eine überarbeitete Fassung eines Threads, der am 30.12.25 auf Bluesky veröffentlicht wurde.

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